Vorsprung Wetterau - Wendy Emrich ist die einzige Streckenwartin Hessens

Wendy Emrich ist die einzige Streckenwartin Hessens

Ortenberg
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Ein unangenehm frischer Septembermorgen. Rund um Hanau wird der Berufsverkehr in der ausgehenden Dämmerung immer unruhiger und dichter. Und mittendrin, mit Warnblinklicht, bewegt sich ein stattliches orangenes Fahrzeug mit maximal Tempo 30 über die Straße. Seine Fahrerin hat trotz Rush Hour die Ruhe weg und begutachtet konzentriert den Fahrbahnrand. Gibt es neue Schäden? Ragt Totholz hinein? Wurde illegal Müll entsorgt? Wendy Emrich hat alles genau im Blick.

Die 38-jährige aus Ortenberg ist die einzige Streckenwartin in ganz Hessen und wie jede Woche auf einer „ihrer“ vier Routen unterwegs. Der genaue Weg ist präzise abgestimmt. An diesem Tag geht es etwa von Bruchköbel über Hanau und Maintal bis nach Frankfurt-Fechenheim und zurück. Für Emrich ein ziemlich normaler Tag. Als Mitfahrer ist man jedoch überrascht, wie riesig die Bandbreite an Aufgaben ist.

Denn Emrich und ihre männlichen Kollegen kontrollieren nicht nur die Sicherheit ihrer Straßen und unmittelbar dazugehöriger Bauwerke – sie werden auch täglich höchstpersönlich tätig, wenn es darum geht, den Verkehrsteilnehmenden die Reise zu erleichtern. Allein an diesem Vormittag tauscht Emrich unter anderem Verkehrsschilder aus, entfernt verkehrsgefährdende Äste, repariert Schlaglöcher, nimmt Unfallschäden auf oder markiert abgestorbene Bäume. Und das alles stets gut gelaunt und anpackend.

Ihre Arbeiten sind für sie eine Frage der Ehre. „Die Prämisse lautet: Mein Bezirk soll schöner werden“, klärt die gebürtige Thüringerin auf. Und man nimmt es ihr selbst in den Momenten ab, in denen sie nicht ihren bevorzugten „Verschönerungsaufgaben“ nachgehen darf. Denn auch Abstoßendes gehört dazu: Zerfetzte Waschbären bergen oder Parkplatzreinigung sind wohl für niemanden besonders beglückende Arbeitsschritte, doch Emrich fühlt sich den Verkehrsteilnehmenden auf ihren Strecken verantwortlich: „Mir kann es eigentlich nie schnell genug gehen, die Lage wieder sicherer zu machen. Gefahrenherde oder Schandflecken kann ich in meinem Bereich nicht haben, und es fällt mir schwer, sie über eine längere Zeit hinweg zu ertragen“. Wenn etwa Personalmangel bei den Aufräum- oder Mähkolonnen herrscht oder sich Reparaturarbeiten ziehen, wird sie unruhig.

Als sie Anfang des neuen Jahrtausends von ihrem Onkel auf Hessen Mobil und die Ausbildungsstelle zum Straßenwärter in Friedberg angesprochen wurde, musste sie allerdings kurioserweise erstmal nachfragen, was dieser Beruf konkret bedeutet. Umso überraschter war sie, wie viel Spaß sie in ihrer neuen Heimat hatte: „Es ist bis heute die gleiche Kombination: Viel draußen an der frischen Luft zu sein, in Bewegung zu sein, anpacken können und viel mit Menschen zu tun zu haben.“ Das Leuchten in Emrichs Augen verfliegt ein wenig, als sie berichtet, dass das Land Hessen 2004 keinerlei Auszubildenden übernommen habe. Für ein paar Jahre zog sie zurück nach Thüringen. „Doch es war für mich immer klar, dass ich zurück nach Hessen und zu Hessen Mobil möchte, wenn sich die Chance ergibt“, erzählt sie.

2014 fing sie erneut in der Friedberger Straßenmeisterei an, die Festanstellung war nur eine formale Frage der Zeit. Vier Jahre später wechselte sie nach Bruchköbel. Und seitdem prüft sie, mit Akkuschrauber, Schaufel, Kaltasphalt, Heckenschere sowie weiterem Groß- und Kleinwerkzeug „bewaffnet“, ihre auf 161 Kilometer verteileilten vier Strecken sowie diverse Radwege, Brücken und Co. in Mittelhessen. Am liebsten in Richtung Wetterau. „Dort ist es etwas ruhiger als im Rhein-Main-Gebiet und die Luft ist besser“, schwärmt Emrich, die als Ausgleich zur fordernden Arbeit gerne mit ihrem Mann und den beiden französischen Bulldoggen spazieren geht oder sich in die „World of Warcraft“-Welt ausklinkt. Sie hat allerdings entlang ihrer Strecke auch vereinzelte Ruhepunkte ausgemacht, um kurz durchschnaufen zu können – wie an diesem Morgen an einer idyllischen Apfelbaumwiese nahe Maintal. „Das sind meine kleinen schönen ‚Hach“-Momente‘“, erklärt sie.

Dass sie die einzige Streckenwartin Hessens ist, erfüllt Emrich einerseits mit Stolz. Andererseits ist ihr Wunsch klar: „Ich hoffe, diesen Titel trage ich nicht mehr lange!“, lacht sie. Wer ihr nacheifern wolle, solle als Gesamtpaket am besten folgende Eigenschaften mitbringen: „Man sollte gerne kommunizieren, aber auch anpacken wollen. Und im Idealfall nicht so viel Lust auf Büroluft haben“. Auch die vielen Weiterbildungsmöglichkeiten stellt Emrich zufrieden heraus. Und zimperlich dürfe man nicht sein, auch wenn Machosprüche selten zu hören seien. „Die Stunde Aufstylen vorm Spiegel ist aber schnell für die Katz, wenn der erste Regenguss oder Windstoß kommt“.

Immer wieder kommt im Gespräch der häufige Kontakt mit Menschen vor. Meint sie damit Auseinandersetzungen mit gestressten Autofahrern? Nein. Die gibt es zwar auch – „und die Leute scheinen von Jahr zu Jahr weniger Zeit und Geduld zu haben“ – aber Emrich denkt eher an den guten Kontakt mit Kollegen der Straßenmeistereien sowie der kommunalen Bauhöfe. Und an kuriose Fälle, die besonders im Gedächtnis bleiben. Wie als sie einen demenzkranken Mann morgens von der Landesstraße gerettet hat oder einer Frau nach einem Getriebeschaden assistierte, was einen langen Dankesbrief zur Folge hatte. „Wenn ich einen richtig schlechten Tag hatte, krame ich den daheim auch immer noch mal heraus, und dann ist alles nicht mehr so schlimm“, berichtet Emrich, wie sie aus solchen Erlebnissen Kraft schöpft.

Klar, auch die einzige Streckenwartin Hessens findet bei aller Begeisterung für den Job nicht alles toll. Eine flottere Digitalisierung wünscht sie sich ebenso wie noch flexiblere Arbeitszeiten. Oder mehr Abstimmung bei Anschaffungen bei den unmittelbar davon betroffenen Mitarbeitern sowie Kleidung im Damenschnitt. Aber im Großen und Ganzen ist sie mehr als happy: „Ich hoffe, in zehn Jahren bin ich auch noch gesund und weiterhin Streckenwartin. Nur nicht mehr die einzige“. Zum Abschluss des lehrreichen Tages zeigt sie noch das Streusalzlager in Bruchköbel. Obwohl sie am liebsten im Frühling draußen ist, reizt sie die Aussicht auf den nahenden Winterdienst mit Blick auf die meterhohe weiße Wand schon: „Diese Vielseitigkeit, die ich hier habe, mit ständig wechselnden Aufgaben, das ist eigentlich das Beste. Deshalb mache ich all das hier aus Überzeugung“, resümiert sie und springt wieder in ihr Gefährt, um den langen Tagesbericht fertigzustellen. Keine Frage, dieser Feierabend ist verdient.

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