Schwerhörigkeit ist Fluch und Segen gleichzeitig. Ich weiß, von was ich rede, den ich gehöre zu den Schwerhörigen. Trotzdem trage ich meine Hörgeräte nur punktuell, heißt gelegentlich, halt nicht laufend. Warum ist das ein Fluch? Ist doch klar! Man hört nicht alles oder weniger und meist geht, so glaubt man, das Wesentliche verloren. Warum ist das ein Segen? Das dürfte auch einleuchten! Du musst dir nicht alles anhören und denkst, viel Unwichtiges geht an dir vorbei. Das kann sein und ist Ansichtssache.
Ich denke auch, dass es darauf ankommt, was man mit den neu gewonnenen, gerade gehörten, Informationen macht. Ein Ort, an dem man etwas erfahren kann, ist unter vielen anderen der Warteraum in Arztpraxen. Gleichwohl dort viel mehr vor sich her geschwiegen wird, geschieht es doch, dass sich dort sich kennende Menschen treffen und ein Gespräch in gedämpfter Stimme beginnen. Für mich nur mit Hörgerät hörbar. Der Beginn ist fast immer der gleiche. Kurze Begrüßung. Und dann geht’s los. Dann werden in kurzen Sätzen die Krankheiten aufgezählt. Wechselseitig versteht sich. Frauen sind hier übrigens präziser als Männer. Deshalb höre ich auch lieber Frauen zu. Auch weil sie sich in Runde drei über die Familie austauschen. Meist beginnt es mit dem Wohlbefinden des Mannes. „Ach meiner hat jetzt auch noch Prokrastination.“ Worauf die andere sofort fragt, „Ei was ist denn das?“
Während die angesprochene nach einer Antwort sucht, gebe ich in meinem Mobilcomputer, mit dem man auch telefonieren kann, das Wort Prokrastination ein. Nach wenigen Sekunden spuckt mein Apparat folgendes aus: Prokrastination (lateinisch procrastinare „vertagen“; Zusammensetzung aus pro„für“ und cras „morgen“), auch extremes Aufschieben, ist eine Arbeitsstörung, die durch ein nicht nötiges Vertagen des Arbeitsbeginns oder auch durch sehr häufiges Unterbrechen des Arbeitens gekennzeichnet ist, sodass ein Fertigstellen der Aufgaben gar nicht oder nur unter enormem Druck zustande kommt. Dies geht fast immer mit einem beträchtlichen Leidensdruck einher. Während ich noch lese und die gefragte nach einer passenden Antwort sucht, antwortet die fragende sich selbst. „Ach, das hat meiner auch, der kriegt nichts fertig. Dass das jetzt auch eine Krankheit ist, ist mir neu. Ich werde ihn auch einmal zum Arzt schicken. Das muss ich ihm dann aber aufschreiben, das kann der sich nicht merken. Verstehen tut er es bestimmt auch nicht. Am besten wird sein, ich geh gleich mit. Sonst wird das nichts.“ Während ich das gehörte und gelesene noch sortiere, werde ich als nächster Patient aufgerufen. Ich hätte ja den beiden Damen noch gerne weiter zugehört, aber so ist das, wenn es interessant wird, wirst du gestört und musst was anderes tun. „Der Arzt begrüßt mich mit der Frage: „Na Herr Müller wie geht es uns heute?“ Ich höre mich Antworten: „Ich glaub', ich hab' jetzt auch Prokrastination, könne Sie mir da was verschreibe?“ Wir beide Lachen und setzen uns. Ei Gude, wie!
Zum Autor
Er sei ein waschechter Neuenhaßlauer, sagt er von sich selbst. Helmut Müller (72) ist in Neuenhaßlau als 4. von 7 Kindern geboren und ein typisches Nachkriegskind dazu. Seine Mutter Hessin und evangelisch, sein Vater Sudetendeutscher und katholisch, aber kein Flüchtling, sondern Kriegsgefangener, der nicht in seine angestammte Heimat zurückkonnte. Er wächst in einem 4 Generationen Haus mit den Eltern, sechs Geschwistern, Oma und Opa sowie Onkel und der Ur-Großmutter auf. Der Spielplatz war die Straße. In der Volksschule, die er mit dem Hauptschulabschluss beendete, war deutsch seine erste Fremdsprache, die er lernen musste. In späteren Jahren hat er seine mittlere Reife und das Fachabitur für Wirtschaft und Verwaltung nachgeholt und das Ganze als Diplom Verwaltungswirt (FH) abgeschlossen. Er war in etlichen Vereinen aktiv. Man könnte ihn getrost als „Vereinsmeier“ bezeichnen. Er hat dabei fast alle Positionen, die ein Vorstand hat, begleitet. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
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