Kranksein kann auch Spaß machen

Ei Gude wie
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Was glauben Sie, welcher Tag ist der beste für einen Arztbesuch? Ich glaube, montags und freitags ist ganz schlecht. Meine Favoriten sind der Dienstag und der Donnerstag. Obwohl ich meine Termine bei den Doktoren langfristig plane, gelingt mir dies nicht immer. Und welche Uhrzeit ist die Beste? Für mich eindeutig der frühe Morgen. Am besten der erste Termin. Da heißt aber auch, als erster vor Ort zu sein.

Was glauben Sie wie viel Minuten vor Öffnung der Praxis sollte man vor Ort sein? Ich sag' es Ihnen, Minimum 30 Minuten. Ich habe einen Termin um 8 Uhr, das ist die Öffnungszeit der Praxis, ich bin also der Erste. Das ist gut. Schlecht ist der Tag. Es ist ein Freitag. Das Wochenende steht vor der Tür. Ich hätte mir einen anderen gewünscht. Wie das aber so ist. Die Praxen sind auch montags und freitags geöffnet. Und manchmal erwischt es auch einen „Fuchs“ wie mich.

Diese Zeiten haben für mich nur einen Vorteil. An diesen Tagen werde ich wieder etwas erleben, was erzählenswert sein wird. Also los. Natürlich stehe ich 35 Minuten vor Öffnung vor der verschlossen Praxistür. Ich bin aber nicht der Erste, schade. Es ist ein Paketbote. Das ist aber komisch, denke ich, der kann doch gar nicht so lange warten. Plötzlich öffnet sich die Tür, es sind 30 Minuten vor Start, eine mich unfreundlich anschauende medizinisch-technische Assistentin, wir nennen Sie einfach MTA, grüßt mich nicht, obwohl ich sie in gewohnter Höflichkeit freundlich anschaue, aber: Nonverbal, 'Du noch nicht!'. Freundlich grüßt Sie den Boten, unterschreibt, schnappt das Paket und verschwindet wieder hinter der Tür, die sie rasch zudrückt und wieder verschließt. Die hat sicher Angst, dass ich nachschlüpfe.

Schön, jetzt bin ich der Erste. Noch knapp 30 Minuten. Während ich so nachdenke, wie ich nachher das Verhalten der MTA dem Arzt erzähle, ich werde es tun, das braucht mein Ego, erscheint ein älteres Ehepaar. Weit ab von der Eingangstür positionieren sie sich mit einem freundlichen Nicken. Ich nicke freundlich zurück. 15 Minuten vor Start geht es los. Zuerst erscheint eine Frau um die 40, missgelaunt bezieht sie mir gegenüber Stellung. Kein Grußwort. Nur ein herzerbarmendes Stöhnen. Ich beziehe jetzt körperlich Stellung vor der Tür, aber rückwärtsgewandt, so dass ich alles hinter mir sehe.

Eine junge Frau erscheint, kein Gruß, nur Blick auf die Uhr. Ein junger Mann, gleiche Manieren, wie die junge Frau. Eine Mutter mit Tochter, etwa 5 Jahre alt, betritt das Geschehen. Sie grüßt freundlich, ich bin der Einzige, der zurückgrüßt. Wir verstehen uns. Wir werden alle von der Tochter gemustert. Ich bin der Einzige, der ihre Blicke erwidert. Wir sind Freunde. 15 Minuten sind 900 Sekunden. Das Mädchen fängt an mit dem Körper zu schaukeln. Mit jeder Bewegung des Kindes setzt die Stöhnende einen Seufzer ab. Ich meine, Kind mach schneller, Kind macht schneller, das Haus fängt an, sich im Takt des Kindes mitzubewegen, endlich kommt Bewegung in die Geschichte. Alle außer dem Kind, der Mutter und ich sind genervt. Schöne Wartezeit, meine ich. Ich liebe Kinder. Stöhnen wird kürzer und schneller. Ich denke, hoffentlich vergisst die Stöhnende nicht zu atmen. Sie vergisst es, sie kommt ins Straucheln und hustet in den Raum. Ich drehe mich um. Die Türe summt, ich schaue kurz und bestimmend in die Runde, alle akzeptieren, ich bin der Erste. Ich öffne die Tür und betrete die Praxis, alle folgen mir. Kranksein kann auch Spaß machen. Ei Gude, wie!

Zum Autor

Er sei ein waschechter Neuenhaßlauer, sagt er von sich selbst. Helmut Müller (72) ist in Neuenhaßlau als 4. von 7 Kindern geboren und ein typisches Nachkriegskind dazu. Seine Mutter Hessin und evangelisch, sein Vater Sudetendeutscher und katholisch, aber kein Flüchtling, sondern Kriegsgefangener, der nicht in seine angestammte Heimat zurückkonnte. Er wächst in einem 4 Generationen Haus mit den Eltern, sechs Geschwistern, Oma und Opa sowie Onkel und der Ur-Großmutter auf. Der Spielplatz war die Straße. In der Volksschule, die er mit dem Hauptschulabschluss beendete, war deutsch seine erste Fremdsprache, die er lernen musste. In späteren Jahren hat er seine mittlere Reife und das Fachabitur für Wirtschaft und Verwaltung nachgeholt und das Ganze als Diplom Verwaltungswirt (FH) abgeschlossen. Er war in etlichen Vereinen aktiv. Man könnte ihn getrost als „Vereinsmeier“ bezeichnen. Er hat dabei fast alle Positionen, die ein Vorstand hat, begleitet. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!



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