Das große Wort „Landesgartenschau“ schwebt seit kurzer Zeit im Raum. Hinzu kommt die Spezifizierung als „interkommunale“ Landesgartenschau. Worum handelt es sich? Und wie muss man sich eine solche Landesgartenschau vorstellen? Genau das fragten sich die bisher auf kommunaler Ebene Beteiligten und regten einen Besuch im Remstal an.




Entlang des Flusses Rems, östlich von Stuttgart gelegen, fand man sich vor einigen Jahren zusammen um die erste Gartenschau auszurichten, die von mehreren Kommunen getragen wurde. Also interkommunal. Die baden-württembergische Landesgartenschau fand im Jahr 2019 statt und da sie auch durch das Planungsbüro Planstatt Senner betreut wurde, bot sich ein Besuch im Rahmen des Vereins Oberhessen geradezu an. Schließlich ist der Verein Oberhessen mit seinen elf Mitgliedskommunen Initiator der Bewerbung im die hessische Landesgartenschau im Jahr 2027.
Trotz Corona-Beschränkungen traf sich eine kleine Gruppe von Politikern aus Oberhessen, der Wetterauer Wirtschaftsförderung sowie Bürgermeister und Bürgermeisterinnen Ende September im Remstal. Ziele waren Essingen in der Nähe der Quelle der Rems und Waiblingen, fast am Ende des Flußtals. Essingens Bürgermeister Wolfgang Hofer führte die interessierte Besuchergruppe stolz durch den Schlosspark, der Dank der Landesgartenschau nicht nur neue Blühflächen erhalten hat, sondern auch ein Biotop und bleibende Kunstinstallationen werten diesen nun auf.
"Mich begeistern nach wie vor die Projekte, die dauerhaft sind. Natürlich waren die Veranstaltungen im Rahmen der Landesgartenschau letztes Jahr ein unvergessliches Highlight. Aber schauen Sie, der tägliche Schulweg dieser Kinder führt nun mitten durch den neugestalteten Schlosspark. Ist das nicht wunderbar?“, so Bürgermeister Hofer. Auch führt er zu einem neu gestalteten Aussichtspunkt, der im Rahmen der Gartenschau mit Fördergeldern gebaut wurde. In allen sechzehn Kommunen, die 2019 die Landesgartenschau Remstal ausrichteten, sind attraktive Aussichtspunkte auf das Flusstal um- oder neu gestaltet worden. Sie verteilen sich wie eine Perlenkette in moderner, luftiger Bauweise entlang der Rems. Ein weiteres verbindendes, interkommunales Projekt war die Einrichtung von Rad- und Wanderwegen entlang der Rems und ins Hinterland des Flusstals. Heute sind die Routen, die teilweise in Wegschlaufen für eine Tagestour angelegt sind, weiterhin sehr beliebt und bringen Besucher aus dem nahen Stuttgart in die Region.
In Waiblingen begrüßte Oberbürgermeister Andreas Hesky die Oberhessen und präsentierte die von langer Hand geplanten, aber dann doch eher kurzfristig umgesetzten Projekte. „Wir haben viel zu viel Zeit verstreichen lassen, bis wir die Projekte umgesetzt haben. Das würde ich Ihnen nicht empfehlen. Fangen Sie so früh wie möglich an zu planen und umzusetzen. Haben Sie lieber schon zwei Jahre vor der Gartenschau einiges fertiggestellt und steigern so die Lust der Gäste und Bürger im Veranstaltungsjahr zu kommen und mit allen Sinnen die unterschiedlichen Veranstaltungen zu genießen, “ rät Oberbürgermeister Hesky eindringlich.
Auf die Frage nach der Finanzierung von großen und kleinen Stadtentwicklungsprojekten antwortet er wie Bürgermeister Hofer aus Essingen: „Anfangs gab es einfach zu viele Diskussionen über die finanzielle Machbarkeit. Im Nachhinein ist das kein Thema mehr. Die umgesetzten Projekte überzeugen Bürger, Politiker und Gäste. Durch den Zuschlag der Ausrichtung der Gartenschau haben alle Kommunen Fördergelder erhalten, die ohne die Gartenschau nicht in Aussicht gewesen wären. Wären wir nicht so knausrig gewesen, hätten wir mehr und vielleicht auch bessere Teilprojekte umsetzen können.“
Auch spricht er den Umgang mit Eintrittsgeldern und umzäunten Flächen an. Hier sollen die elf oberhessischen Kommunen eine einheitliche Regelung finden, denn ein Flickenteppich an Zutrittsbeschränkungen und Eintrittspreisen sind organisatorisch nicht umzusetzen. Er befürwortet freien Zutritt zu sämtlichen Attraktionen und weist auf die hohen Koordinations-, Personal- und Nachbereitungskosten bei der Kontrolle von umzäunten Gebieten hin. Als Fazit gibt er den Besuchern mit auf den Weg, dass die interkommunale Landesgartenschau trotz allen Aufwandes ein gelungenes Fest gewesen sei, das die Freude am Erleben von Natur fördert und sie dadurch schützt. Es ist Stadt-, Natur- und Regionalförderung zugleich.
Nach einem weiteren Rundgang durch den Landschaftspark Talaue an der Rems resümiert die Büdinger Landschaftsarchitektin Anette Schött: „Das Ziel einer Gartenschau ist es schon lange nicht mehr eine gewöhnliche Blümchenschau zu veranstalten, sondern die Möglichkeit Grünflächen gezielt nachhaltig zu entwickeln, unseren Lebensraum langfristig zu verschönern und lebenswerter zu gestalten.“
Die dreistündige Rückfahrt bietet genug Zeit die gesammelten Eindrücke wirken zu lassen. Sieglinde Huxhorn-Engler (SPD), Vorsitzende des Ausschusses für Jugend, Kultur und Soziales des Stadtparlamentes Büdingen, ist begeistert: „Die Gestaltung der Gartenschau ist sehr beeindruckend, da die Organisation eine nachhaltige Aufwertung des Flusstals erreicht hat. Ich kenne das Remstal schon sehr lange und freue mich über die hinzugewonnene Lebensqualität vor Ort.“
Sie führt weiter aus, dass diese Art von Regionalentwicklung Alternativen aufzeigt und gleichzeitig gewachsenes ernst nimmt. Authentizität wird widergespiegelt. „Das kann ähnlich auch in Oberhessen umgesetzt werden: vorhandenes muss geachtet und wertgeschätzt werden. In Kombination mit innovativen Ideen kann eine interkommunale Landesgartenschau die Region im nordöstlichen Rhein-Main-Gebiet ökologisch, ökonomisch und touristisch wunderbar aufwerten.“ Zum Schluss fügt sie an, dass sie noch nie einen, bzw. hier gleich zwei Bürgermeister getroffen habe, die im Nachhinein noch so enthusiastisch über ein abgeschlossenes Gemeinschaftsprojekt berichtet haben. Auch, dass beide alle Finanzfragen für überzogen halten und gerne mehr Geld ausgegeben hätten, hat sie in positives Staunen versetzt.
Landschaftsarchitektin Simone Michel, die für die CDU-Fraktion des Stadtparlaments Büdingen mitgefahren ist, freut sich, dass im Remstal die für die Landesgartenschau umgesetzten Strukturen erhalten bleiben und so der langfristigen Verbesserung der Grünflächen zugutekommen. „Ohne den Rückbau, der sonst üblich ist, bleibt der der Stadt und der Region das Neue, das Attraktive, das Grün erhalten. Das Leben wird durch um- oder neugestaltete Spielflächen, Grünanlagen und Erholungsorte in die Stadt zurückgeholt.“
Büdingens Bürgermeister Erich Spamer (FWG) war schon vorher im Remstal per Rad unterwegs gewesen. Er kannte die gut ausgebauten und ausgeschilderten Radwege sowie einige Parkanlagen bereits. Beeindruckt war er von der Größe der Fläche, die für die interkommunale Landesgartenschau genutzt wurde. „Für Bürger und Besucher wurde langfristig ein attraktives Umfeld geschaffen“ sagt er. Von Gesprächen, die Bürgermeister Spamer vor Ort geführt hatte, berichtet er, dass es zielführend ist insbesondere Fachleute die Planung durchführen zu lassen. Die Politik sollte informativ mit im Boot sein.
Falls die Bewerbung des Vereins Oberhessen den Zuschlag erhält, wäre es die zweite deutsche Landesgartenschau, die interkommunal organisiert und durchgeführt werden würde. Gleichzeitig wäre es die erste im Bundesland Hessen. Ein Projekt, das zukunftsweisend ist, in vielerlei Hinsicht. Die Referenten aus dem Remstal drücken den Oberhessen die Daumen und freuen sich, wenn sie für die Landesgartenschau 2027 zu Besuch kommen dürfen.
Fotos: Büdinger Tourismus und Marketing GmbH
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